#EqualCareDay 2016 // 29.02.2016

Klopapier ist alle

In einem Haushalt lebend, in dem die Väter die intellektuelle- oder Ausshließlichlohnarbeit erledigten, war ich daran gewöhnt meine Mutter den kompletten Haushalt stemmen, voll lohnarbeiten, die Familien 360Grad-umsorgen zu sehen. Meine ältere Shwester war shon als Kind übermäßig pflichtbewusst und beteiligte sich neben meiner Mutter stehend, wo sie nur konnte.
Ich quälte mich durch meine kleinen Aufgaben im Haushalt. Meine Mutter musste viel diskutieren mit mir. Die Väter befanden sich als nicht zuständig, hinter der Zeitung oder auf der Lohnarbeit.
Ich muss so zwölf gewesen, als meine Mutter unter all der Mehrfachbelastung hervor diese eine Formulierung droppte, die mir zumindest retrospektiv die Augen öffnete: „Ich will nicht, dass man mir im Haushalt hilft. Es ist nicht meine Aufgabe, bei der ich netterweise Unterstützung erhoffen kann. Wir alle leben hier. Wir alle sind verantwortlich.“

Es ist so ein einleuchtend, aber so wenig verinnerlicht:
Wir alle sheißen in ein Klo. Also sind wir alle auch zuständig es zu putzen.
Gesellshaftliche Dominanzstrukturen versuchen diese simple Logik zu unterlaufen. Entlang der Frage von Geshlecht etwa, oder aber der Bildungsbiographie.
Man stelle sich vor, da sagt ein Mann zu der Mutter seiner Kinder: „Ich bin der Akademiker und du putzt das Sheißhaus.“
Sozialverträglicher, charmanter, euphemistisher könnte es heißen: „Die Oma freut sich besonders, wenn Du sie zu den Arztbesuchen begleitest. Du kennst dich auch viel besser aus mit ihrem Blutdruck.“
Ausnahmslose Reproduktion. Jeden Tag. Man wünsht sich vier Köpfe und acht Arme. Und sechs Shultern, um die Verantwortung auf sich selber aufzuteilen und überhaupt tragen zu können. Unzählige Sensoren, um in der Verantwortung nicht auszurutshen.
Reproduktive- und Pflegearbeit fällt eigentlich nur dann auf, wenn sie nicht erledigt wurde. Der Behördentermin vergessen. Die Wäshe nicht gewashen. Das Geburtstagsgeshenk nicht besorgt. Der Kühlshrank nicht gefühlt. Der Elternabend nicht besucht. Das Klopapier nicht gekauft. Das Essen nicht gekocht. Die Oma nicht zur Dialyse gefahren.
Manchmal gibt es auch Äußerungen, die klingen sollen wie Anerkennung. Meine Mutter arbeitet in einer Werkstatt mit Menshen mit untershiedlichsten shweren Behinderungen. Ich will gar nicht wissen, wie oft sie gehört hat: „Also ich könnte das nicht.“ Sie nennt sich zynish darauf reagierend manchmal selbst „Fütterin und Arshabwisherin“. Das ist, was die Leute in ihrem Job sehen und „nicht könnten“. Alles Soziale, Zwishenmenshliche, Produktive, Emanzipatorishe und Wissensbasierte geht zwishen zu wechselnden vollgeshissenen Windeln unter in der Außenwahrnehmung.
Aber nicht nur Geshlecht und Klasse interagieren miteinander in dieser Hinsicht.
Im Zuge der so genannten Flüchtlingskrise versuchen einige Stimmen den ignoranten offenen Rassist*innen den sozio-ökonomishen Aspekt der neuen Situation als Zugewinn shmackhaft zu machen: Die shlecht bezahlten und dringend zu besetzenden Pflegejobs können ja zukünftig von all den ankommenden Flüchtlingsfrauen gewissenhaft erledigt werden.
Ein Problem weniger. Und man muss nicht mal was an den Strukturen ändern.
Praktish.

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