Presseperspektiven
Interview mit HIPHOPNOISE:
http://mag.hhnoise.com/mag/3-techn9ne/drei.html
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MAEDCHENMANNSCHAFT.net
Sookee: “HipHop kann nur so homophob und sexistisch sein, wie die Gesellschaft, in der er stattfindet”
von Magda
Weder King noch Queen und trotzdem beides: Sookee ist QUING und stellt HipHop-Klischees ein subversives Bein. Das zweite Solo-Album der Berliner Rapperin bietet mit 15 Rap-Tracks und 3 spoken word pieces ein innovatives Gesamtwerk des Sprechgesangs ohne jegliches Mackergepose, doch mit viel Wut und positiver Energie. Fünf Jahre nach ihrem Debüt „Kopf, Herz, Arsch“ liefert Sookee eine mutige Rundumschau ihrer persönlichen, musikalischen und politischen (Weiter-)Entwicklung und fordert ihre Hörer_innenschaft heraus, was Eigenes daraus zu machen.
Im Interview mit uns spricht Sookee über ihr gerade erschienenes Album “Quing”, Geschlechterbilder im HipHop und von der Notwendigkeit, sich ständig kritisch zu prüfen.
Wie bist du zum Rappen gekommen?
Die Legende besagt, dass ich vor vielen vielen Jahren auf der Federtasche meiner Schwester ein kleines Graffiti-Piece entdeckte. Das muss wohl initial für meine Begeisterung für HipHop gewesen sein. Einige Jahre später hab ich dann festgestellt, dass Graffiti nicht wirklich was für mich ist: Ich bin extrem lauffaul, nicht gut in Visualisierungsdingen und ich empfand die Szene auch immer als ziemlich rough und sehr konkurrenzbetont. Aber das hing sicherlich auch konkret mit den Leuten zusammen, mit denen ich mich damals umgab. Irgendwann vor etwa acht Jahren wurde mir klar, dass ich mich mit meiner Schreiberei auch im HipHop einrichten kann und ich brachte mir das Rappen bei. Ich hab dann zum Glück relativ flink den Weg zu Springstoff gefunden, das Label, bei dem ich bis heute bin. Das war alles nicht ganz einfach und mir hat damals an vielen Stellen das Bewusstsein für die Sexismus- und Homophobiethematik gefehlt, aber ich habe über die Jahre gewissermaßen trainiert, sodass ich heute meine inhaltlichen Anliegen auf Beats unterbringen kann, meinen Ansprüchen selber gerecht werde und gleichzeitig solidarisch mit Menschen sein kann, die sich in anderen Feldern mit ähnlichen Dingen befassen.
Auf deinem gerade erschienenen Album “Quing” rappst du, dass du “Quing” für dich als Perspektive entdeckt hast. Was ist das eigentlich und wieso kann jede_r ein wenig “Quing” in seinem oder ihrem Leben brauchen?
Ob andere Menschen Quing brauchen oder nicht, kann ich nicht entscheiden, aber Quing ist als emanzipatorische Denkrichtung und subkulturell-politische Position ein Angebot an alle, die sich darin wiederfinden. HipHop beispielsweise ist durchzogen von merkwürdigen und wirkmächtigen Geschlechterbildern, die eng mit der Glorifizierung von neoliberalen Selbstinszenierungen verbunden sind. Mir erschien das immer unangemessen und verkürzt und ich hatte dringend das Bedürfnis mir im HipHop einen Raum zu schaffen, in dem ich über mich selbst verfügen kann, ohne bestehenden Vorgaben etwa über Weiblichkeitskonstruktionen nachzuhängen. Quing ist also sowas wie ein Attribut, eine Perspektive oder ein Artikulationsmodus, der es ermöglicht, sich in kulturellen und sozialen Räumen zu bewegen, ohne dabei die eigene Kritik aufzugeben oder sich aufgrund von Fremdzuschreibungen einengen zu lassen.
Du schreibst auf deiner Myspace-Seite, dass du auf Grund deines Studiums der Germanistischen Linguistik und Geschlechterforschung in der “glücklichen Lage [bist], HipHop aus soziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive zu betrachten und zu reflektieren”. Kam daher die Idee für den Track “Pro Homo”?
In der Tat. Ich hab während des Studiums in einem Seminar zu Gender und Sexualität in Subkulturen eine Hausarbeit zum Thema Homophobie in der deutschsprachigen Rap-Szene verfasst. Ich hab mir damals eine handvoll Songs angesagter Rapper und die großen HipHop-Onlineforen angeschaut und versucht herauszuarbeiten, welche Männlichkeitsentwürfe offenbar für die homophoben Haltungen im HipHop grundlegend sind. Die Arbeit wurde dann veröffentlicht und daraus hat sich mittlerweile ein Vortrag entwickelt, der recht gefragt ist.
Da mir aber die Behandlung dieser Thematik nur für die Ohren von Menschen die Akademisch sprechen oder sozialarbeiterisch tätig sind, zu wenig ist, war schnell klar, dass die Szene, aus der ich komme und auf die ich mich – mit meiner Kritik – beziehe, auch ein Statement zu dem Thema vertragen kann. Es wird mir wegen dieses Songs zuweilen Nestbeschmutzung vorgeworfen, aber ich will ja damit nicht HipHop damit dissen, sondern erstens aussprechen, was auch andere aus der Szene, und zweitens weisen sowohl der Vortrag als auch der Song darauf hin, dass HipHop nur so homophob und sexistisch sein kann, wie die Gesellschaft, in der er stattfindet.
Welcher ist dein Lieblingstrack auf deinem Album und warum?
Es liegt mir nicht, ein Ding als das Ultimative hervorzuheben und superlativisch über alles andere zu stellen. Da sind mehrere Tracks, die ich besonders hörenswert finde und die alle an unterschiedlichen Punkten Stärken haben.
“Lernprozess” finde ich großartig, weil es mir gut damit geht, wenn ich ehrlich zu mir selber sein kann. ”Klinge” rockt mich sehr, weil ich so kryptischen, introspektiven Kram, der sich jeder Vereindeutigung widersetzt, einfach sehr mag. ”ProHomo” ist politisch gesehen derjenige Track, der sehr viel trägt und skandalisiert auf der Platte. ”Siebenmeilensneakers” hat diesen Crescendo-Punch und macht meine Ohren glücklich. Und so weiter und so fort.
Von welchen Künstler_innen lässt du dich gerne inspirieren?
Ich lass mich eher von Menschen inspirieren, die mir auf die ein oder andere Weise nahe sind, egal ob es Freund_innen sind, andere Musiker_innen oder Personen, deren Texte ich lese. Das lässt sich gar nicht so spezifizieren. Wichtig sind mir grundlegend diejenigen Inspirationen, die mich vorankommen lassen, die es mir ermöglichen, mich kritisch zu prüfen, ob das alles so wie es im Moment ist, seine Gültigkeit hat.
Mehr QUING gibt es auf ihrer Homepage, auf Facebook oder MySpace.
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BACKSPIN // 21.04.2009
Foto: Sookee, by Ricarda Stella del Monte
MAKE HIP-HOP, NOT BULLSHIT: SOOKEE, SPRINGSTOFF, BERLIN
„Die Blickregimes in der gesamten Hip-Hop-Ästhetik nerven mich schon gewaltig… Guck hier hin, sieh so aus. Da geht’s immer wieder viel um Machtverhältnisse.“
Mein musikalisches Selbstverständnis ist eher das einer Texterin. Die Musik ist nur die gründlich ausgewählte Verpackung, die machen kann, dass Köpfe nicken und Hüften kreisen. Im Zentrum steht das Wort, oder besser noch viele davon, damit sie nicht so alleine sind. Meine Aufgabe ist es, sie formschön und gehaltvoll nebeneinander auf einen Beat zu drapieren. Mein Motto ist: Mitdenken (Kopf), Mitfühlen (Herz), Mitmischen (Arsch).
Quakiges Geprolle für unterhalb der Gürtellinie muss es auch geben. Aber ich mag es, als Hörerin herausgefordert zu werden. Geflowte Fließbandarbeit zum Statusgewinn/- erhalt macht mich nicht an, da fehlen mir die Schnittmengen zu dem, was ich fühle und denke. Der Text ist bei mir ganz weit oben, ganz unten, rechts, links in der Mitte und überall dazwischen. Mit Beats und derlei kann man mich schnell zufrieden stellen, aber Texte müssen mich rocken. Ich hab große Ansprüche an den Inhalt von Songs. Natürlich scheitert die Umsetzung regelmäßig an meiner Idealisierung, aber ich trainier einfach weiter, bis ich eines Tages virtuos meine Wortmuskeln zucken lassen kann und ich regelmäßiger mit mir zufrieden bin.
Grundsätzlich glaube ich, dass letztlich jede menschliche Äußerung in einem kulturellen Rahmen stattfindet, von diesem geprägt ist und sich wiederum in ihn einschreibt. Gleichzeitig ist jeder Move auch in einem politischen Rahmen untergebracht, sodass Kultur und Politik untrennbar miteinander verknüpft sind. Sich kulturell zu artikulieren heißt demnach, sich einfach innerhalb von einem kulturellen Zeichensystem – zum Beispiel Sprache – zu verhalten. In diesem kulturellen Kontext sind soziopolitische Setzungen eingelassen, weshalb in meiner Lesart gewissermaßen jede Äußerung von kultureller und politischer Bedeutung ist. Deswegen gibt’s für mich auch in diesem Sinne keinen unpolitischen Rap, weil jede Line eine bewusst oder unbewusst intendierte Nachricht beinhaltet, die ich mit meinem situierten Wissen decodierten kann. Das Problem an gezielter Politisierung von Rap, sei sie antirassistisch, feministisch, sozialistisch, was auch immer, ist, dass sie vielfach nur schwer dran vorbeikommt, sich stigmatisierter, inflationär ausgehöhlter oder entwurzelter Begriffe zu bedienen. Deswegen ist es anspruchsvoll aber notwendig, deutlich zu machen, wie das Anliegen zu benennen ist, ohne dabei die Kritiker und Kritikerinnen mit aufgebrauchten Kampfansagen in der Denkpause zu belassen. Den Dingen einen neuen Namen zu geben, ermöglicht sowohl an alte Traditionen anzuschließen, als auch neue Felder zu eröffnen.
Ich empfinde mich in der Beurteilung von kulturellem Output oftmals selbst als entsetzlich moralisch. Nichtsdestrotz steh ich dazu, dass Verantwortung Teil der Basis sozialen Miteinanders ist. Es mag dogmatisch klingen, aber: Wer über den Zuspruch einer Gemeinschaft Anerkennung für sich will, muss sich ihr gegenüber auch verantwortlich verhalten. Wenn sich jeder/jede nur selbst der/die nächste ist, wird irgendwann gar nicht mehr gekuschelt. Ich freue mich über jedes aktive Ohr. (Oder im Falle eines schriftlichen Textes, natürlich über jedes eifrige Auge.) Ich bin dabei, das Konzept ‘Quing’ einzuführen. Quing erklärt meinen kulturellen und politischen Standpunkt und lädt alle ein, daran teilzuhaben und sich ebenfalls da hinein zu lesen. (Mehr zum Thema gibt’s auf meiner Internetpräsenz und auf dem nächsten Album.) Jedes abgebaute Vorurteil ist ein gutes Vorurteil, einige halten sich allerdings hartnäckig. Die Blickregimes in der gesamten Hip-Hop-Ästhetik nerven mich manchmal schon gewaltig… Guck hier hin, sieh so aus. Da geht’s immer wieder viel um Machtverhältnisse. Gleiches findet sich in unterschiedlichen Ausprägungen auch in der Sprache. Das sind alles keine Neuigkeiten, und genau das ist das Problem: Bestimmte Codes haben sich so verselbständigt, dass Mensch es zuweilen nicht einfach hat, gegen diese Zementiertheit anzuargumentieren. Mir fällt es schwer, mich auf bestehende Ordnungen oder Programme einzulassen. Viele politische Gruppen oder Initiativen schreiben sich auf die Fahne, sie seien hierarchiefrei organisiert, oftmals ist das nicht der Fall. Oder sie sind intern wenig konsensfähig, weil die Gesprächskultur mies und die Egos zu groß sind. Immer wieder beobachte ich, dass Aktivistinnen/Communities/Szenen/Gruppen große Ideen für die Welt haben und nicht selten aus Faulheit und Unreflektiertheit daran scheitern, diese in ihrem persönlichen Radius anzuwenden. Politische Projekte brauchen mehr Ausdauer, neue Synergien und Effekte.
Die jüngsten Versuche unterschiedlichste Rapper und Rapperinnen wieder in ein sinnstiftendes sozial-motiviertes Projekt einzutüten, ist aus meiner Sicht gescheitert. Insgesamt finde ich es wichtig, starre Kategorien/Genres/Etiketten durch flexible und produktive Interessensgemeinschaften zu ersetzen, damit es mal wieder ein paar freudige Überraschungen und neue Schnittmengen gibt. Aber das braucht Zeit und Energie – wie jeder Wandel. Für Rap wünsche ich mir mehr Pluralismus, Dialog, Verantwortung.
Innerhalb von Rap würde ich mich über neue Projekte und Zusammenschlüsse freuen. Aber solche, die auch halten, wenn das Projekt vorbei und die Presse abgerauscht ist.
Story vom: 21.04.2009 | Autor: Bianca Ludewig

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