Was mich umtreibt…

STOP BITCHING!

Resignifizierung niemals leicht gemacht

Wer weiß, was der Titel bedeutet? Vermutlich keine_r so genau, denn dieser imperative Satz lässt sich nur in einem Bedeutungszusammenhang anständig decodieren. Da aber kein konkreter Kontext gegeben ist, sieht man sich darauf zurückgeworfen, dass das Prädikat eine Menge Bedeutungen anbietet. Von ihnen sind einige dominanter und naheliegender, andere in Vergessenheit geraten, nur in Untergründen zu finden und wieder andere noch in der Etablierung befindlich. Mit der Semantik von Worten ist es wie mit anderen soziokulturellen Gegenständen: Sie sind beweglich und veränderlich, sie werden für Einzelinteressen instrumentalisiert und in ideologische Dienste gestellt. Bekanntermaßen bedeutet das Substantiv ‘Bitch’ ursprünglich Hündin und erfuhr durch das nicht unwesentliche Zutun der expliziten Wortwahl im HipHop eine Bedeutungserweiterung zu ‘Miststück’ oder ‘Nutte’, welche sich wiederum durch fortwährende Repetition zum Synonym für ‘Frau’ herabschwang. Die Akteur_innen im HipHop sind für diesen mehr als zweifelhaften Wandel hin zu einer homogenisierenden und degradierenden Zuschreibung deshalb nicht ausschließlich dafür verantwortlich zu machen, weil popindustrielle Interessen einer weißen Mehrheitsgesellschaft über das gleichzeitige Hypen und Verurteilen bestimmter Wort- und Bildästhetiken im HipHop auch ihren nicht unwesentlichen Beitrag zu diesem sexistischen Macht-Move leisten.

Ein bisschen ist es schon befremdlich sich über einen Begriff wie ‘Bitch’ aufzuregen, wenn dieser eben jene törichte Selbstverständlichkeit hat, sowohl in der herabwürdigenden Bezeichnung gegenüber Frauen – denn, wenn sonst nichts mehr in den Sinn kommt um zu zetern und zu beschimpfen, scheint man sich konservativerweise immer noch auf die Dualismus ‘Heilige’ und ‘Hure’ berufen zu können – oder gegenüber Männern – denn sowohl die interpersonelle als auch die makrostrukturelle Homophobie sieht den schwulen Mann als Verräter der Männlichkeit, was ihn zum Nicht-Mann und somit zur Frau macht.

Aber es kann auch irritieren, wenn dieser Begriff einem Prozess der Resignifizierung unterzogen wurde, etwa zum Zwecke der Umdeutung, der Selbstaneignung, damit es nicht mehr weh tun kann. Man kennt eben jene Wortwandlung von Roxanne Shanté, Missy Elliot oder aus dem RiotGrrrlMovement und sie tun mit dieser soziolinguistischen Handlung nichts anderes, als die Entmachtung des kleingeistigen Machismo voranzubringen.

Aber irgendwie stellt sich immer wieder die Frage, wieviel Awareness es für all die Effekte einer solchen Resignifizierung braucht, zumal nicht jede_r Rezipient_in das Ohr dafür hat, den subversiven Ton herauszuhören und lediglich den kulturellen Output einer Frau ‘konsumiert’, die sich selbst als Hure bezeichnet, oder als Hündin oder eben als autonome Person, letzteres aber nicht erkannt wird, weil die Antenne dafür nicht existiert und so einmal mehr die sexistische Bedeutungsebene reproduziert wird. Sicherlich gibt es immer Äußerungskontexte, die ihr Publikum nicht bestimmen können. Muss man deswegen aufpassen, was man sagt, oder tut man es sowieso, weil in der Umdeutungsstrategie ein spezieller Sinn liegt? Einige Stimmen, die sich etwa auch gegen den Versuch, sich politisch alternativ zu artikulieren wenden, würden vermuten, dass so jegliche kulturelle Leichtigkeit im Text verschwindet.

Problematisch scheint eher das Prinzip selbst: Möglichkeiten der progressiven Verschiebung wiederum können unterlaufen werden von reaktionären Strukturen.

Und um die Bewegung gänzlich zu verknoten, abschließend der Hinweis darauf, dass zumindest im anglophonen Raum besagter Term mittlerweile auch als Bezeichnung für alle möglichen Gegenstände und Abstrakta funktioniert, dann natürlich als Substantiv nicht als Verbum wie im Titel – welcher im Übrigen durch die Bedeutung ‘to complain’ inspiriert ist.

Der Text ist auch im Ficko-Magazin erschienen.

 

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HOW TO BECOME A GERMAN

Um es vorwegzunehmen: Der Titel ist absurd. Er kann nicht eingelöst werden. Seit Jahren versuche ich herauszufinden, was es bedeutet deutsch zu sein. Mein Personalausweis ist ein stummes Ding; wo ich wohne und in welcher Stadt ich geboren bin, weiß ich auch ohne ihn. Bislang habe ich lediglich Gerüchte gefunden, die über das Deutschsein (dis)kursieren und andere Menschen offenbar wissen lassen, wie das wohl funktioniert. Ganz flache Begründungen beziehen sich hierbei auf Speisen und Literaturgüter, doch mögen die Meisten kein Eisbein und haben Goethe nie gelesen. Das wäre ja auch gänzlich unproblematisch, wenn sich nur nicht darauf bezogen würde, von Menschen, die sich als deutsch empfinden. Mithin: Der Konstruktion eines Ordnungsprinzips, das wir Nation nennen, ist eine Tendenz immanent, die mir reichlich unsympathisch ist, weil sie hochgradig hierarchisierend und exkludierend wirkt. Wird Nation über die verbindende Idee eines Volkes gedacht, sind wir nicht weit weg von Blut und Boden, Blut und Schande, nationalen Müttern oder eugenischer Regulierung. Wird Nation identitätsstiftend in Zusammenhang mit Kultur konstituiert, fühlt sich eine nationale Mehrheitsgesellschaft durchaus auf der sicheren Seite und im Handumdrehen werden aus Rassismen Kulturalismen und die National’demokrat_innen’ nennen es Ethnopluralismus. Ist der Staat höchstpersönlich der Kern einer Nation und kann man über das Bekenntnis zu ihm die Möglichkeit einer nationalen Zugehörigkeit erlangen, so fallen andere soziostrukturelle Eckdaten hinten runter und verursachen drastische politische Schieflagen, da der nationale Konsens unumstößlich zu sein scheint. Zweifelsohne stattet mich das Attribut ‚deutsch’ mit staatsbürgerlichen Privilegien aus, die herunterzuspielen reine Arroganz wäre. Aber davon abgesehen, wen ich wähle, welche finanziellen Bezüge ich erhalten könnte und welche Zugänge ich etwa zu Bildungsinstitutionen oder Arbeit habe, ungeachtet der Formalia also, ist ‚deutsch’ ein Begriff der als Rückzugsraum gehandelt wird. Es spricht eigentlich kaum jemand Deutsches über Deutsches. Das Deutsche erklärt sich darüber, dass es nicht nicht-deutsch ist. Hier in Deutschland weiß man zumeist ganz gut, was beispielsweise unter ‚Türk_innentum’ zu verstehen sei. Ähnliches gilt für Afrika: Deutsche Nahrungsmittel- und Unterhaltungsindustrien wissen 53 Staaten dem Prinzip der Ökonomie folgend zu einem afrikanischen Mythos oder einem afrikanischen Zauber zusammenzufassen. Da scheint alles wieder zusammenzufließen: Staat, Kultur und Volk des Anderen werden verschmelztiegelt, jedoch nicht zugunsten eines hehres Mysteriums namens Integration, sondern zugunsten des selbstreferentiellen Wissens der deutschen Nation, die beruhigt aufatmet, wenn irgendwelche Fußballturniere ermöglichen, dass angeblich neue Zeiten anbrechen. Was hilft es? Immer wieder wird das Deutschsprachige exemplarisch gebraucht. Da heißt es, böse Anglizismen machen, dass wenn jemand das Weltnetz und die Heimatseite dem Internet und der Homepage vorzieht, als Nazi gebrandmarkt würde. Diese Beobachtung zwang mich quasi als Trotzreaktion dazu, endlich die türkische Sprache zu erlernen. Das hat zum einen exemplarisch zur Folge, dass bayerische Schüler_innen kürzlich von einer Irritation in die nächste fielen, als ich eine türkische Begrüßungsformel an ihre deutsche Tafel schrieb. Zum anderen hat es den Effekt, dass ich meine Begeisterung für die Schönheit von grammatischen Strukturen wiederfinde: Leute, lernt diese Sprache! Sie ist ausgesprochen regelmäßig, birgt wunderschöne Bilder und soll endlich ihr politisches Potenzial in diesem Land entfalten dürfen. Treffende Schlussworte runden an dieser Stelle nichts ab, da das Prozessuale ohnehin überwiegt. Word.

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QUING

Rap aktuell und mehrheitlich

Man kann es drehen und wenden, wie man will, die Rapszene ist und bleibt einfach ein komischer Haufen voller Ambivalenzen: Einerseits gibt es einen starken Solidaritätsgedanken, der aber andererseits zumeist crewintern zum Tragen kommt und von einer konkurrenzbeladenen Ellenbogen-Mentalität überlagert wird. Zum einen werden große Worte wie Respekt und Realness in den Mund genommen, die aber zum anderen ganz schnell wieder ausgespuckt werden können. Diese Subkultur fußt in ihren Anfängen auf der Thematisierung und Skandalisierung von sozialen, kulturellen und politischen Ungleichheiten, dennoch will heutzutage, da auch in Deutschland Rap klingeltonkompatibel geworden ist, keiner mehr ernsthaft hinter Sozialkritik stehen. Was einst Conscious-Rap hieß, wird heute als Öko-Rap oder Müsli-Rap abgewertet. Wenn sich jemand sozialkritisch äußert, dann indem gesagt wird, dass seine/ihre Kindheit im Ghetto hart war, was ihn/sie dazu autorisiert, anderen vor die Fresse zu kloppen. Trotz all dieser oberflächlichen Peinlichkeiten, die zugegebenermaßen ihre Existenzberechtigung haben, bin ich gerne Aktivistin dieser Szene, da sie ein großes Spektrum an performativen und kommunikativen Möglichkeiten liefert. Leider wird dieses Potential größtenteils weder von der Innen- noch der Außenperspektive erkannt und anerkannt. Während die Szene ihre internen Sperenzchen um Images, Hobbygangstatum und Egoboosting feiert und damit eine Industrie aus dem Boden stampft, die ihr Erfolg und damit Recht gibt, verteufeln Gutmenschen, Medien und andere Instanzen der (Doppel-)Moral dieses Treiben, ohne etwas anderes zu erreichen, als den entsprechenden ProtagonistInnen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Derweil bleiben die wahren RebellInnen, die oberhalb der Gürtellinie argumentieren, ungehört.

Inhalt und Image

Als ich mit dem Rappen anfing, wurde mir ziemlich schnell klar, dass die Sache mit den Images eine ziemlich zentrale Angelegenheit ist. Wenn man dich als MC nicht in drei Wörtern, die nicht unbedingt, ‚von allem etwas’ lauten, charakterisieren kann, wird sich kein Mensch die Mühe machen, sich mit dir großartig auseinanderzusetzen, auch wenn du talentiert bist. Kategorien und Schubladen sind ein notwendiges Übel. Wenn die Leute nicht wissen, wie sie dich fassen können, hören sie dir auch nicht zu. Eine Tatsache, die mir wahrlich nicht schmeckte. Klischees und Stereotype waren genau die Übeltäter, die die Welt nicht gerade zu einer besseren machten und mir in der Rapszene zu Hauf begegneten. Ich dachte, ich könne mich dem entziehen und völlig frei von irgendwelchen Images agieren, nicht zuletzt deswegen, weil diejenigen, die für Frauen vorgesehen sind, nicht gerade meinen Vorstellungen entsprachen. Wo es im anglophonen Raum wenigstens noch so etwas wie unantastbare und erhabene Identifikationsmuster zu geben scheint, die durch Frauen wie Erykah Baduh oder Mary J Blige vertreten werden, sind die Images für Frauen in Deutschland recht dünn gestreut. Nicht zuletzt deswegen, weil die Präsenz von Frauen im deutschen Rap zwar gegeben, aber nie sehr stark und vielfältig war. Im Prinzip erstreckt sich das Spektrum von Frauenrollen im Rap über die Eckpunkte Sister, Bitch und „pseudomännliches Gangsta-Girl“, was letztlich dadurch begründet ist, dass Männer nun mal die lautesten Stimmen im Rap und damit die Definitionsgewalt haben und sich diese auch nicht nehmen lassen. Sie sind diejenigen, die die Images kreieren, da sie den Großteil der aktiven und rezipierenden Szene ausmachen, somit sind sie gleichzeitig diejenigen, die ihre Schöpfungen wieder ermorden können. Die Sister ist zwar eine weibliche Frauenstimme, die auch Tiefgang und Integrität beweisen kann, letztlich ist sie aber immer primär die Schwester eines Bruders und nicht die einer Schwester und bestätigt somit dem androzentristischen Rahmen, so dass sie in ihrer subversiven Kraft beschränkt ist. Außerdem sieht sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, gerade aufgrund ihrer Weiblichkeit nicht hart genug für die Szene zu sein, womit sie komplett auf ihre Biologie und daran anschließend auf ihre vermeintlich weiblichen Eigenschaften zurückgeworfen wird. Identifiziert sich eine Frau im Rap als Bitch, entzieht sie sich der Gefahr von außen als Schlampe bezeichnet und sexualisiert zu werden, schließlich macht sie das selbst zu ihrem Programm. Sie ist in der Szene relativ willkommen, da sie Dinge ausspricht, die nicht selten männlichen Phantasien entstammen und stellt somit selbstbestimmt eine Projektionsfläche für sexistische Blicke dar. Letztlich hat sie jedoch keine Chance tatsächlich ernst genommen zu werden, geschweige denn, ihr Image zu wandeln. Das Stigma einer durch und durch sexualisierten Frau wird ihr ewig erhalten bleiben, so dass es niemals um ihre Person oder ihre Musik, sondern immer um das Image des schwanzlutschenden Luders geht. Bemüht eine Frau sich dem männlichen Ideal anzugleichen und mit Härte und Ghetto-Attitüde in der Sprache wie im Auftreten aufzutrumpfen, wird sie wegen mangelnder Weiblichkeit und Realness angegriffen. Dass die Images, die im Rap für Frauen existieren nur bedingt funktionieren, ist ein wahres Dilemma und womöglich auch der Grund aus dem es bislang keine Frau tatsächlich geschafft hat, in der Szene zu den Top 5 der besten MCs in Deutschland zu gehören.

Schulterschluss und Ellenbogenmentalität

Die Reaktionen der betroffenen Rapperinnen auf diese Situation, die ich bisher beobachtet habe, waren sehr gespalten. Vielfach schlossen sich Rapperinnen zusammen um „den Kerlen mal Paroli zu bieten“. Es wurden Frauen-Tracks, -Sampler, -Workshops und -Konzerte organisiert und man solidarisierte sich aufgrund dieser Gemeinsamkeit. Im Anschluss musste jedoch festgestellt werden, dass dieser Schulterschluss nicht die Größe für den Glauben an die gemeinsame Sache hat, denn viele Rapperinnen diskreditieren ihre Mitsteiterinnen in Tracks und setzen sich an die Spitze der Female-MC-Hierarchie, obwohl sie sich vorher so solidarisch zeigten. Dies erscheint mir genauso paradox wie die Tatsache, dass viele Rapperinnen sich darüber beschweren, dass sie darauf reduziert werden, Frauen zu sein und nicht am männlichen Maßstab gemessen zu werden, sondern immer eine Außenseiterinnenposition bekleiden und nur eine Quotenfunktion erfüllen. Im gleichen Moment berufen sie sich aber auch immer wieder auf genau die Kategorie, wegen der sie ausgeschlossen werden. In ihren Künstlerinnennamen, in ihren Albentiteln und dergleichen ist ihr Geschlecht häufig ihre Referenz. Fast jede mir bekannte Rapperin, hat einen Song veröffentlicht, in dem sie sich gewissermaßen für ihr Geschlecht rechtfertigt und darüber rappt, dass sie rappt, obwohl sie eine Frau ist. Letzten Endes stellt sich die Frage, inwiefern diese Weiblichkeit, die sowohl Anlass zum Ausschluss und zur Hierarchisierung als auch zur Solidarität und Vergemeinschaftlichung ist, ein Element darstellt, das in seiner Konstruiertheit bestätigt werden sollte. Wenn ich eine Feature-Anfrage von einer Rapperin bekomme, die eben darin begründet ist, dass wir als Frauen ja mal gemeinsam einen Track machen können, dann reicht die Tatsache, dass wir beide einmal im Monat menstruieren definitiv nicht, um einen Song mit ihr aufzunehmen. Weiblichkeit ist eine so vielfältige Entität, dass sie meines Erachtens nicht als ausschließlicher Grund für eine Verschwesterung herangezogen werden sollte. Ich finde es viel wichtiger sich mit den Leuten zusammenzutun, die intellektuell und menschlich über den Geschlechterstereotypen stehen. Dabei geht es um ein progressives Miteinander, dass sich geschlechtsunabhängig gegen virulente Haltungen wie Sexismus, Homophobie und dergleichen wendet, ohne zu verurteilen, den moralischen Zeigefinger zu heben oder vorzugeben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Diese Werte und Programmpunkte in gute Musik zu verpacken ist jedoch die eigentliche Kunst, schließlich ist es das Ziel junge Menschen zu erreichen, die überwiegend an eine andere Art von Coolness gewöhnt sind.

Quing wirkt inhaltlich…

Ich kann nicht behaupten, dies bereits geschafft zu haben. Dennoch bin ich bemüht, meine Perspektive und mein Wissen um soziale Kategorien und ihre Verwobenheit in unsere Lebensrealität, sowohl in meine Musik als auch in mein Image einfließen zu lassen. Hierfür nutze ich den Begriff und Namen „Quing“, dessen Konzept sich inhaltlich und visuell in meiner Arbeit wiederfindet. Quing bedeutet für mich die Aufweichung der starren Geschlechtergrenze: Weder Queen noch King und sowohl Queen als auch King. Dass ausgerechnet diese beiden Wörter Patin standen, ist zugegebenermaßen eine Spitze gegen die HipHop-Szene, in der die meisten nun mal zu großen Egos neigen und sich selbst ohne weiteres einen royalen Titel verpassen, ohne wirklich etwas geleistet zu haben. Außerdem ist der Begriff ein kleiner linguistischer Triumph über die ansonsten sprachlich doch recht kreative genderbewusste Szene, die sich unter anderem in Veranstaltungshinweisen bemüht, niemand gemeinten auszuschließen. Hieraus ergibt sich endlose Aufzählungen mit LesBiSchwulen, (Drag)Kings und Queens, Transgendern, She-Males, He-Shes, Cross-DresserInnen, Transsexuellen, Butches, Femmes, BartträgerInnen, Tunten, Dykes, Gender-Blendern, Gender-Bendern, Asexuellen, Polys, Heteros, Definitionsunwilligen, Geschlechtsunentschlossenen und allem, was das queere Spektrum liefert. Die Bezeichnung Quing ist mir dabei aber noch nie begegnet, obwohl sie so naheliegend ist. Mir geht es dabei nicht darum, Trans- oder Intersexualität zu outen oder als transgendernder Changeling aufzutreten, sondern vielmehr darum. ein Bewusstsein zu repräsentieren. Keinesfalls soll damit meine Zugehörigkeit zur Genusgruppe Frau in Frage gestellt werden. Vielmehr möchte ich mich solidarisch zeigen mit all denen, die (im Rap) keine Stimme haben, da sie im dichotomen Rahmen von Mann und Frau nicht funktionieren oder funktionieren wollen. Darüber hinaus verstehe ich Quing als Kritik an die mit den Geschlechterrollen verbundenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die sich in Sozialisation, Bildung, Interessen, Liebe, Öffentlichkeit, Arbeitsmarkt, Politik, Popkultur, Medien, Tradition, Familien, Religion, Sexualität, Konsumwelt, Mode, Technik, Krieg, Schönheit, etc. als bloße, durch Reproduktion am Leben erhaltende Klischees manifestiert haben. Da jeder dieser Bereiche und alle anderen ein Thema von Rap sein können, hat Quing Existenzberechtigung.

…und visuell

Rap ist ein Genre, das sehr stark mit Visualität und Style arbeitet. Die Visualisierung von Images ist im Rap sehr traditionsreich. Dass dies insbesondere für die Verbildlichung von Männlichkeit und Weiblichkeit gilt, versteht sich, wenn man sich Rapvideos ansieht. Die RezipientInnen sind an ausdrucksstarke Bilder gewöhnt und fordern sie auch ein. In der Rapindustrie ist an ein starkes Image mittlerweile auch immer dessen Visualisierung gekoppelt. Das komplette Artwork meines Debütalbums „Kopf Herz Arsch“, das Video zur gleichlautenden Single und die Internetpräsenz www.sookee.de sind in Lila gehalten. Diese Farbe ist die optische Entsprechung zu Quing. Das heißt, sie ist zunächst eine Mischung aus dem männlich konnotierten Blau und einem weiblich konnotierten Rot, wobei die genauen Mischungsverhältnisse mit jeder Nuance von Lila, Violett, Purpur und Magenta verändert werden. Die Verwendung der beiden geschlechtercodierten Farben soll diese Konnotation nichtsdestotrotz dekonstruieren: Alle, die sich mit gegenderten Farbcodierungen beschäftigt haben, wissen, dass Rot und Blau bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Geschlechterstereotypen entgegengesetzt zugeordnet waren. Abgesehen davon steht Rot auch für Krieg, Liebe, Sozialismus, Revolution, Warnung, Blut, Feuer, Verlegenheit und Zorn und Blau ist die Farbe der Treue, Sehnsucht, Melancholie, Freiheit, Wahrheit und des Glaubens. Nun sage mir EineR, was davon nun jeweils maskulin, feminin, beides oder nichts von alledem sei. Auf einer dritten Ebene ist die Farbe Lila unweigerlich mit der zweiten Frauenbewegung verbunden, was ich weder leugnen noch hervorheben will. Die FrauenrechtlerInnen seit den 1960er Jahren haben Großes geleistet, auch wenn ich bestimmte Theorien und Ansichten heute für überholt halte und in jedem Fall auf die Third Wave des Genderbewusstseins verweisen will. Wie dem auch sei. Ein Hinweis an alle KritikerInnen: Emanzipation bedeutet eine Befreiungsbewegung aus einem Unterdrückungs- oder Abhängigkeitsverhältnis und nicht ‚Alice-Schwarzer-abnicken’. Quing in der Zukunft Nachdem mein erstes Album, das ich als Plädoyer für ein gesundes Selbstbewusstsein jenseits des Strebens nach Geld und Macht verstehe, neben genretypischen Raps über Rap auch zentrale Aussagen über die Bedeutung von Sprache, über die Zustände des sozialen Miteinanders in Deutschland und die sexuelle Traumatisierung von Kindern enthielt, wird mein zweites Album noch stärker das fokussieren, was hinter Quing steckt: Es wird um die Absurdität von vermeintlichen Normalitäten in Bezug auf Schönheit, Geschlechtscharakteren und Wahrheit gehen. Ich werde versuchen, subtil aber bestimmt über Tabuthemen im HipHop wie Homosexualität zu sprechen, soziokulturelle Gegebenheiten des realen Lebens weitab jeglicher medial erzeugter Illusion nachzuzeichnen und meine eigene Position dabei zu reflektieren. Auf keinen Fall will ich über Rap und die ProtagonistInnen der Szene meckern, egal wie sehr mich manches Verhalten auch aufregen mag. Letztlich bin ich dankbar dafür dieses Medium zu haben und mit so vielen Menschen über dieses Forum kommunizieren zu können, auch wenn Rap nicht gerade ein Paradies des Verständnisses und der Toleranz für eine Gender-Studierende ist… Und wenn alle Stricke reißen und die Szene mich zu boykottieren beginnt, weil ich zu unbequem bin, hab ich immer noch die Erfahrung, meine Wahrnehmung, meine Empfindungen und mein Wissen artikuliert zu haben. Ich habe sie meiner Szene angeboten, damit über die Jahre ein paar Menschen erreicht und mich selbst dabei weiterentwickelt.

Der Text ist zudem in folgenden Medien veröffentlicht:

“female hiphop – Realness, Roots und Rapmodels” Anjela Schischmanjan/Michaela Wünsch(Hg.); Ventil Verlag; Berlin; 2007

“We B Girlz” – Festival Magazin; 2008 / www.b-girlz-berlin.com

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2 Antworten to “Was mich umtreibt…”

Kommentare (2)
  1. Vendetta sagt:

    Ich wollte nur mal verlauten lassen, dass deine Texte echt gut sind.
    Fetten Respekt aus Saarbrücken und weiter so !

  2. Juli sagt:

    Ist einmal aufgefallen auf welchen Plattformen der Text veröffentlicht ist und wer da wahrscheinlich fast ausschließlich Nutzergruppe sein wird?

    Trotzdem Grüße und mach bloß weiter so, gefällt!

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