Spoken Words

 

Mach was!  // August 2011

So viele negative Gefühle sammeln sich um diese kleinen und riesigen, nervigen und verletzenden Situationen,

in denen sich Jungs und Männer durch den Versuch das Bild des sexuell fordernden Abenteurers zu mimen ihre Männlichkeit beweisen wollen.

Sie sortieren abstoßend aufwändig ihre primäre Geshlechtsorgane und glotzen dabei garstig,

sie stellen sich in der UBahn zu dicht hinter eine und atmen eine an,

Sie machen Sprüche und meinen diese bewusst provokativ,

sie machen Sprüche und meinen sie eigentlich als Kompliment,

sie können ihre Finger nicht bei sich behalten,

sie lassen es nicht gut sein, wenn eine sagt, dass sie das Gespräch nicht fortführen möchte,

sie stellen nach,

sie vergewaltigen,

sie erkennen die Grenzen nicht und sie erkennen die Grenzen nicht an.

Und was passiert mit uns? Wir versuchen zu reagieren! Wir müssen ja reagieren! Wir müssen irgendetwas tun, die Situation löst sich ja nicht noch während sie stattfindet in Luft auf.

Ich wünshe mir zumeist möglichst shlagfertig zu sein – gerne auch im doppelten Sinne.

Ich wünshe mir zu Reaktionen fähig zu sein, die diese Männer derartig irritiert, dass sie mit dem beklemmenden Gefühl des Reaktionszwangs zurückgelassen werden.

„Ey Süße, du kannst voll gut tanzen! Bewegst du dich im Bett auch so geil?“
„Nein, im Bett bewege ich mich eigentlich nicht sehr viel. Im  Bett liege ich zumeist nach anstrengenden Tagen völlig ershöpft und warte auf den Shlaf. Irgendwann dann furze ich nur leise vor mich hin und sabber aus dem Mundwinkel ein kleines Pfützchen neben mein Kopfkissen.“

Wir sind:

Geshockt, verärgert, verletzt, beshämt, irritiert, paralysiert, aggressiv, hilflos, machtlos, traurig, empört, wütend, verängstigt, verunsichert, aufgebracht, zornig, eingeshüchtert, außer uns, aufgewühlt, bestürzt, betreten, fassungslos, starr, entgeistert, getroffen, betroffen, traumatisiert.

Eigentlich weiß ich nicht, ob ich

ausrasten, ruhig mit ihm sprechen, drüber lachen, ihn über sein unangemessenes Verhalten aufklären, ihn so ganz zentral mit der Faust ins Gesicht shlagen, ihn kastrieren,  beshimpfen, auslachen, ihn lächerlich machen, anshrein, die Cops rufen, mich umdrehen und wegrennen, mich umdrehen und ruhig weg gehen, heulen, ihm vor die Füße spucken oder ihn mit einem satten Satz vor den Latz dumm aussehen lassen soll.

Wenn ich Mut finde und mich zur Wehr setze und zurück pöbel, werden sie noch ekliger, noch herabwürdigender:

„Ieeh, geh ma weiter du Hässliche, dich würd ich ja nicht ma mit seinem Shwanz ficken!“ sagt er dann zeigt auf irgendeinen Mann, den er bei der Gelegenheit gleich mitbasht.

Meistens sind wir allein.

Als ein Typ in der UBahn sich den Shwanz rieb und mir dabei in die Augen sah und ich aufstand, zu anderen Mitfahrenden ging um Unterstützung zu erfragen, hieß es: „ Hä, nee, warum denn, lass ma lieber filmen und dann bei Youporn hochladen!“

Da wurde sexuelle Belästigung sogar  zur sexuellen Belustigung.

Die Allgemeinheit ist sehr daran gewöhnt, dem Täter indirekte Unterstützung zukommen zu lassen. Indem sie ihn verharmlost, infantilisiert, aus der Verantwortung nimmt, pathologisiert, das Sexmonster, den Triebtäter, den Lustmolch.

Alle Struktur – über Jahrhunderte gewachsen und immer und immer wieder legitimiert – wird vollständig außer Acht gelassen.

Einige haben gutgemeinte Ratshläge für uns. Aber gutgemeint ist eben nicht immer gut:

Ist doch nix passiert, hab dich nicht so, nimm es nicht so shwer, fass es als Kompliment auf.

Letztlich bleibt uns nichts als uns wappnen:

Das Thema zu entmystifizieren,

Öffentlichkeit einzufordern, Öffentlichkeit zu gestalten,

Uns miteinander in Verbindung und außer Konkurrenz zu setzen

Einander ernst nehmen

Uns zu politisieren

Uns zu stärken

Noch mehr zu stärken ohne unsere Sensibilität einzubüßen

An alle Frauen, Lesben, Trans* und Queers: Wir sind viele, seht euch um!

An alle Täter und Verantwortliche: Wir sind viele, seht euch vor!

 

die antragsprosa und der fördermörder // dezember 2010

 

ich will erneut was gutes tun im rahmen meiner arbeit.

mit staatskohle und senatskohle und pinunsen aus dem topf mancher stiftung.

ich shnupper ins feld und shraube eine idee.

und shreibe einen text für die mittel.

ich binde mir ein shürzchen um und bediene den jeweiligen formalismus.

nachher klingt das shematish etwa so:

 

das projekt benötigt die beantragten operativen- und verwaltungsmittel für die implementierung vielfältiger aktivitäten unter der berücksichtigung der interessengeleiteten demokratieförderung in kooperation mit lokalen akteuren und dem ausbau der regionalen netzwerke zur integration bildungsbenachteiligter jugendlicher mit migrationshintergrund. die entwicklung und entfaltung jugendgerechter perspektiven auf die neuen herausforderungen der impulse zur politishen bildung und kulturarbeit in hinblick auf die partizipation in der gemeinwesen- und handlungsorientierung wird an strukturelle standards aktueller diversity ansätze rückgebunden. hierbei steht insbesondere die qualitätssicherung umfassender prozesse der lebensweltlichen beteiligung vor ort zur förderung und stärkung von basis-, kern-, fach-, sach-, sozial-, sprach-, methoden- und handlungskompetenzen im vordergrund, sodass auf die heterogenität prekärer lagen in der persönlichkeitsentwicklung im kontext von gewaltpräventiver installation des gender mainstreaming und interkultureller pädagogik fokussiert wird. die nachhaltigen innovativen ansätze unterstützen die arbeitsmarktrelevante zielgruppenerreichung, welche diverse diskriminierungsebenen und ausgrenzungsmechanismen im sinne der bekämpfung gruppenbezogener menshenfeindlichkeit im blick hat. multiplikatorenfortbildungen flankieren die sensibilisierung für den peer-learning-ansatz bezüglich der geshlechtergerechten ressourcenzugänge im alltäglichen kerngeshäft.

förderkriterien … shlagwörter abarbeiten … worthülsentammtamm … haken dahinter!

 

das, was mit den jugendlichen tatsächlich passiert, ist meilenweit entfernt von dem, was in der antragsprosa vershleiert und verklausuliert ist.

politishe bildung etwa bedeutet da unter anderem, dass ich mit den jungs die möglichen untershiede zwishen einer hure, einer nutte und einer shlampe diskutiere, weil es wichtig für sie ist. Und ich bin froh drum, und sprech gern mit ihnen, denn andernfalls befragen sie im internet die protagonisten der pornorap szene und kriegen antworten, die sie glauben lassen, dass frauen shlechte menshen sind, wenn sie promisk leben.

und politishe bildung bedeutet auch, dass sie ich ihnen angebote mache ihre wahrnehmung zu shärfen, wenn die lehrer in der shule ihnen die guten noten nicht zugestehen, weil deren vorstellungsvermögen ihnen eine erstaunliche rhetorik oder gewitzte ideen und clevere umsetzungen nicht zutraut.

und die politishe bildung umfasst auch, dass wir uns austaushen darüber, ob das system, in dem sie lernen und das sie beurteilt, gerecht ist und, ob sie das gefühl haben ehrliche chancen zu bekommen. ich sage ihnen, dass ich die erfahrung gemacht hab, dass es oft nach dem teile-und-herrshe-prinzip funktioniert und hierarchien shafft, in denen es klassenbeste gibt und innen drinnen tränen verursacht und über bildungbiographien entsheidet.

und dann überlegen wir gemeinsam, wie sich was ändern ließe und was wir dazu beitragen können und dergleichen. und wenn ich den formalismus der fördertöpfe anständig bedient hab, gibt es möglichkeiten aktiv zu werden und loszulegen und konkret was zu rocken und alle lernen gemeinsam daran.

 

die töpfe stehen in einer gesellshaft rum, die sich damit rühmt, vielfalt zu begrüßen und zu fördern. modern und zeitgemäß will sie sein diese gesellshaft. blöd nur, dass sie dann im realitätsabgleich regelmäßig vercheckt, dass sie nur ihre mehrheit legitimiert und normativ ist gegenüber den erklärten anderen. den kanaken, junks und transen. den nutten und asylanten, den asis und den homos, den teeniemüttern und shulverweigerern.

sie müssen sich beweisen und gut sein nach den leistungsmaßstäben derjenigen, die nie drum kämpfen mussten, weil ihnen die vielfalt der privilegien so vertraut ist.

 

aber ein wohlwollendes lächeln macht sich ganz gut, wenn der antrag abgelehnt wird: die berücksichtigung der förderkriterien wurde nicht stark genug hervorgehoben.

 

 

 

 

Nereden nerede nereye // 2010

 

Woher wissen wir?

Woher wissen wir die Dinge, die wir über Menshen zu wissen glauben?

Woher nehmen wir die Arroganz zu glauben, dass die Dinge, die wir über Menshen zu wissen glauben, der Wahrheit entsprechen?

Welche Wahrheit soll das sein, die zushreibt, zementiert, bewertet, urteilt, verurteilt?

Und fuck, alter, das ist unser Alltag: immer und immer und immer wieder stehen diese Bilder in der Gegend rum, die aus unseren köpfen shleichen wie verlogene Denunzianten oder herausplatzen  wie großshnäuzige Propagandisten.

Und Person x in der U-Bahn sieht shon so aus.

Da ist kein Ansatz von Austaush und dennoch rattern die Raster und alles ist total offensichtlich, guck ihn Dir doch an.

Irgendwelche Experten werden das shon zu bestätigen wissen – und Wissenshaft?

Sowieso.

Irgendeine Verhaltensforshung arbeitet doch dem öffentlichen Bewusstsein immer zu.

90 Prozent aller Personen mit den Merkmalen y und z neigen zu diesem und jenem Verhalten.

Irgendeine Statistik zu Jugendkriminalität, Fernsehkonsum, Kopftüchern, Darkroom-Aktivitäten, räumlichem Vorstellungsvermögen, Gewaltbereitshaft, religiöser Praxis, Bildungsbiographien, Analsex, Alkohol- und Drogenmissbrauch

geistert auf jeden Fall durch unsern Kopf, sobald wir die Glotze anstellen oder einen Fuß auf die Straße setzen.

Wer ist diese Statistik? Wer ist diese Meinungsbildung?

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälsht hast, bild Dir keine Meinung.

Ist das eine Wahrheit, die einen Mutigen braucht, der sie ausspricht?

Große Lettern in hoher Auflage lassen zu wenig Raum für die Vielshichtigkeit, die sie zu überdecken suchen.

Keine und keiner von uns weiß es. Außer diejenige Person, die zum Thema gemacht wird.

Wenn sie sich darin wiederfindet, dann lass uns kommunizieren.

Ich eine Frage, du eine Antwort:

„Und ist es wirklich so, dass dieses oder jenes?“, will ich wissen.

„Nee, nee, woher hast du denn die Info, was für eine Sheiße“, sagst du dann.

Und ich berichte dir von den strangen Bildern aus meinem Kopf, die mir einreden, sie seien unumstößliche Wahrheiten und die ich Anderen anziehe, wenn ich meine, sie könnten.

Du machst mir deutlich, dass das kneift und zwickt und dir die Luft zum Atmen nimmt.

Woher wusste ich das?

Woher weiß ich die Dinge, die ich über Menshen zu wissen glaube.

Wissen-Glaube. Wasn Widerspruch.

Ich frag mal nach, wenn du mich lässt.

 

 

 

 

 

 

17 // STRESSTEXT

SOOKEE // QUING // 2010

es ist so stickig hier drin

dicht an dicht stapeln sich quader randvoll mit ausgeatmeter luft und ergebnisprotokollen

die wände sind tapeziert mit to-do-listen und evaluationsbögen

im eingangsbereich surrt ein scanner, der dafür sorgt, dass kein gedanke ein- oder ausdringen kann ohne auf tauglichkeit geprüft, zu clustern gebündelt und systematisiert worden

projekte wie projektile schießen durch die gallertartige luft

kein quadratmillimeter, der nicht genutzt ist, um einer arbeitsgruppe eine werkstatt zu bieten

das öl in der heizung hat keine aufgabe mehr: alles ist so in bewegung, dass es sich selbst erhitzt

es ist stickig hier drin

die finger wimmern wenn sie auf die abgewetzten tasten niederprasseln

sie wollen ruhen, mal eine weiche haut befühlen

die nervenbahn zwischen der kognitiven schaltstelle und der körperexekutive steht unter strom und führt aus und aus

alles ist dicht auf effizienz gekämmt

ausschuss und verschnitt werden eingearbeitet, bis nichts über bleibt

ideenrecycling rettet die umwelt

aber es ist so stickig

einmal das zeitfenster weit öffnen und inhalieren

ein kleines lila gardinchen häkeln

bunte ränder um die post-its schnörkeln

die ordnung in den urlaub schicken

ein paar zusätzliche feiertage, ganz unreligiös und für die muße

bisschen rumliegen, ein paar schöne gedanken fassen und wieder loslassen

hinterhersehen, wenn er schon davon fliegt

an der nasenspitze strömt luft vorbei, kitzelt, die bauchdecke hebt und senkt sich

die uhr im hintergrund tickt in rhythmen, klingt nicht so als schritte sie voran

das zahnrad macht sich locker, klickt, off beat

eine kleine melodie summt sich selbst zwischen den stimmbändern hervor und meandert

bald nach rechts bald links. ein pirouettchen für vorher – eins für nachher

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WORTGEWALTVERHERRLICHUNG

 

Hör mal:

Was sollen diese Geschichtchen ohne Belang und jene Wortspielchen, die verpuffen

Anekdötchen ohne Effekt und Sätzchen ohne Punch

Der Diminutiv ist mir nicht potent genug, so will ich die Sprache nicht

So weich und leicht und seicht

Die Sprache soll eine granitene Amazone sein, die blasse Worthülsen zu greifbaren, dinghaften Aussagen adelt

Sie soll strotzen vor Kraft, herkulisch, groß und brachial daherkommen

Wuchtig sein und die schwersten Begriffe stemmen

Muskulär, monströs und monumental sein

Mir Angst einjagen und Furcht einflößen

Intensiv und erfüllend mich sprachlos machen

Mich demütig zurücklassen

Mich Ehrfurcht lehren, das Herz mir brechen

Mein Schicksal besiegeln, denn sie hat eine eigene Zeitrechnung

Sie soll exorbitant sein, ein Koloss

Eine Kämpferin gewaltig und entschlossen

Zubeißen und zuschlagen bei Ungerechtigkeit

Und sie soll mächtig sein wie ein Gott

Und wenn ich abflache, soll sie mich packen und die blauen Flecken erinnern mich daran, dass ich es besser kann

Sie soll nichts ungesagt lassen und Fragen aufwerfen, die ich niemals zu beantworten wissen werde

Sie soll mir in jede Pore krauchen und mich güldene Ideen schwitzen lassen

Mich durchdringen, mir durch die Kapillaren wüten

Sich imposant vor mir aufbäumen, mich maßlos flashen

Sie soll mich in Gewissenskonflikte stürzen

Mich grübeln machen, mich konsequent zu Ende denken lassen

Und wenn ich ausweichen will, soll sie kleine Spitzen aus den Inhalten schnellen lassen, die sich mit Widerhaken in meine Gedanken bohren, bis ich verstanden habe, woran ich denke, woran ich schreibe

Sie soll so viel Tiefe besitzen, dass ich mich von der Erde verschluckt fühle

Und Subtexte zum Schwingen bringen, die mit tonnenschwerem Pathos zum Bersten gefüllt sind

Ich will, dass sie mir so gigantisch gegenübertritt, dass ich mir manches Mal die Zunge herausschneiden und die Hände abhacken könnte um zu vermeiden ihr nicht gerecht zu werden

Sie soll so riesenhaft sein, dass es kaum eine Tugend gibt, außer der gerechten Rede

Und ich will staunen und sie bewundern, bis ich nichts mehr sagen kann außer oh und ah

Mein fünfstelliges Lexikon reduziert auf zwei Vokale

Sie soll kernig und stabil sein, lückenlos verdichten

Sie soll mich füttern mit Brocken, die ich nicht verdauen kann

Und wenn ich dann daran ersticke, soll sie mir keinen letzten Kuss auf dem Totenbett schenken

Sondern mich hochreißen

Ihr gesamtes Korpus soll sich von hinten vor meiner Brust verschränken und mich mit Gewalt zum Leben zwingen

Sie soll mir den Mund verbieten und mit mir in den Dialog treten

Mich mutig machen, mich instrumentalisieren

Sie soll mich leiten durch ihr System und mich führen durch ihre Struktur

Und ich will zutiefst beeindruckt sein von ihren phonetischen Ketten, die Grammys gewinnen und als endlose Echos in meiner Erinnerung pendeln

Von ihren Morphemen, die jede Metamorphose einfallslos und eindimensional erscheinen lassen

Von ihren syntaktischen Strukturen, die sich wie Irrgärten um mich winden und in denen ich mich kurz vor der Verzweiflung doch zu Recht finde

Von ihren Lettern, die mich vor ihren weißen Hintergründen hypnotisieren bis sich das Alphabet in meine Haut einbrennt als alltäglicher allgegenwärtiger Almanach

Die Sprache im Rücken, die Sprache im Herzen

Sie soll potent in mich eindringen und im Innern wachsen

Sie soll mich in sich aufnehmen, mich ummanteln, mich pulsierend stimulieren

Mich mit einem Lächeln auf dem Sprachzentrum zurück lassen

Sie soll mich befruchten

Denn ich will Kinder von der Lingua

Ich will Babys machen mit ihr

Kleine schöne einzigartige Textbabies

Am besten jeden Tag bücherweise, festplattengefüllt

Und ich will auch kein Kindergeld, keine Gage

Ich will schreiben und dass sie mir ein Haus bietet, eine zu Hause, eine Heimat,

ein Eiland, auf dem wir beide wirken

Ich will danieder knien vor der Originalität ihrer Wendungen

Ich will, dass mir der Atem stockt vor der Präzision ihrer Pointen

Ich will erstarren vor der Umfänglichkeit ihrer Metaphern

Ich will mich motivieren lassen von ihren Wortschatzkammern

Sie soll meine Königin sein, meine Kaiserin

Ich will ihr dienen, in ihrem Sinne produktiv sein

Sie soll mich benutzen und stolz auf mich sein

Mich nie wieder loslassen, mich anfüllen mit Inhalt bis ich platze

Mit ihren ohrenbetäubenden Untertönen soll sie mich lähmen wie ein in den Geist injiziertes Gift

Und ich will, dass sie mich nicht warnt, bevor sie plötzlich auftaucht und mich fertig macht

Denn Tritte in den Arsch und Schläge auf den Hinterkopf erhöhen mein Sprachvermögen

Sie soll mich zurechtweisen und mir die Tränen in die Augen treiben

Und ich will ihr dankbar sein, dass ich mich äußern darf, denn sie ist meine Hoffnung und Illusion zugleich

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RÜCKSPIEGEL

Es steht dein Bericht vor Gericht

Wenn Du zurück liest

Dein Gedicht hat Gewicht

Wenn Du es nur ein Stück liebst

Und wenn Du einige dutzend Seiten zurückblätterst, unternimmt deine Handschrift eine Zeitreise und Du mit ihr.

Also kniest Du dich in einen vergangenen Text, liest ein Journal, das Du so nie zu verfassen beabsichtigtest und plötzlich tanzen die Entstehungszusammenhänge jener Zeit auf deinem Sehnerv.

Und bitte ja, was freust Du dich erneut über diese gelungene Wendung, die nie jemand hat beklatschen wollen.

Und bitte nein, was grämst Du dich einige Seiten später über eine unsachliche Sicht auf Dieses und Jenes.

Da waren deine Erfahrungen Auftraggeber, die dich Sätze entwickeln ließen, um zu verarbeiten oder zu konservieren.

Da sind Erinnerungen, die Du beim Lesen reanimierst und deine Worte öffnen sich wie Schleusen und übergießen Dich mit Flashbacks und Andenken.

Alte Narben reißen auf und legen schlecht geheilte puckernde Wunden frei, die kurz darauf von  kleinen Zwischensiegeszug feiernden Endorphinparaden wieder zugenäht werden.

Da reihen sich Pathos-Ballaststoffe an Euphoriephasen und Höhenflugsexkurse an Aufwindzyklen.

Und alle paar Zeilen fragst Du dich: War das wirklich so? Oder habe ich mich grade in meinem Erleben verlesen?

Du bist für den Moment dein eigener Historienforscher, was dich autorisiert die Definitionsmacht an dich zu reißen.

Du bestimmst die Deutung deiner Denkweise.

Kommst Du jedoch auf die Idee das vorliegende Material als einen Ex-Text herabzuwürdigen, wirst Du im nächsten Resumée an deinen eigenen Brüchen und Diskontinuitäten zu knabbern haben.

Und Du gleichst also ab, ob deine Gedankenmuskeln über die Monate und Jahre atrophiert sind oder ob sich deine Denkbewegungen nun kraftvoller und geschliffener in deine Sprache schmiegen.

Da gibt es soviel von dir über dich zu vergegenwärtigen, ob es dich schmerzt oder erfreut.

Es ist wohl wirkungslos den Rotstift an die eigene Geschichte anzusetzen.

Man kann das eigene Es-war-einmal leugnen und darauf beharren, wer man sei oder man decodiert die eigene Entwicklung und folgt schrittweise seinem Lebensgang um sich darauf zu besinnen wer man geworden ist.

Eine schrieb: „Liebe Kitty!“ und erlebte in unserer Vergangenheit ihre eigene Zukunft nicht.

Eine ganz Andere dokumentiert ihre Gegenwart und sie stellt fest: „Ich werde geschrieben haben.“

Im Rückspiegel wirst Du zum Beurteiler deiner eigenen Beurteilung und du gibst deinem Zeugnis ein Zeugnis.

Du liest deine Sätze wie eine Akte über dich, die du selbst erspitzelt hast.

Und egal wie sicher du dich mit dem Text fühlst, dessen Tinte derweil trocknet, genauso sicher wird er dich auf Zeitreise schicken, wenn es wieder soweit ist, zurückzublättern.

Es steht dein Bericht vor Gericht

Wenn Du zurück liest

Dein Gedicht hat Gewicht

Wenn Du dich nur ein Stück liebst

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